Kafkas „Der Prozess“ im Landestheater Linz 

Der Prozess; Gunda Schanderer, Daniel Klausner, Katharina Hoffmann, Lutz Zeitler;
Foto Petra Moser

Am 16. Dezember 2022 unternahmen die Deutschkurse der Q11 und Q12 unter der Leitung von Annelie Schmid einen Ausflug nach Linz. Im Landestheater wurde Franz Kafkas „Der Prozess“ aufgeführt – ein Stück des Prager Schriftstellers, dessen Leben und Werk die zwölfte Klasse im Deutschunterricht in den Wochen zuvor beschäftigt hat.

Bereits der Hinweg gestaltete sich als spannend, denn die Busroute führte durch die frisch beschneiten Berge und Täler Niederbayerns sowie Oberösterreichs. Am frühen Abend in Linz angekommen, besuchten die Schülerinnen und Schüler zunächst den Christkindlmarkt. Nicht nur der rieselnde Schnee, die weihnachtlichen Lichter und das kulinarische Angebot haben die Theaterbesucher überzeugt, es fuhr auch die Straßenbahn durch die idyllische winterliche Szene am Linzer Hauptplatz. Munter und gestärkt wurde im Anschluss zum Theater marschiert. Das Gebäude hatte schon ein Flair von Jugendstil und Jahrhundertwende, was einen in Kafka-Stimmung versetzen konnte.

Es gibt fast keine Literatur über „Der Prozess“, die nicht den ersten Satz des Werkes zu Beginn zitiert, aus diesem Grund: „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Der Einstieg ist sehr beeindruckend, viel wirkmächtiger ist es jedoch, das Stück im Theater zu sehen, denn die Schülerinnen und Schüler erlebten erst als die Aufführung begann, was es wirklich bedeutet, wenn etwas kafkaesk ist.
Die Inszenierung war schlicht genial, tiefgreifend und ästhetisch, der Ort des Geschehens sollte nämlich ein verlassenes Tonstudio darstellen: Schallisolierung an den Wänden, ein Mikrofon zur Narration, Tonbandgerät und Röhrenfernseher. Dadurch wurden Kafkas ursprüngliche Motive — der Horror der unendlichen Bürokratie, dessen Triumph über den einfachen Menschen, der Bedeutungsverlust von Gerechtigkeit, das Ausloten psychologischer Abgründe – mit einer Bedrohung durch Technik und der damit verbundenen Entfremdung vom Sinnlichen und Zwischenmenschlichen (man denke an Orwell oder Bradbury) verknüpft und gewannen noch mehr an Aktualität.

Neben der Zeitlosigkeit von Kafkas Themen trug auch die schauspielerische Leistung zum Erfolg des Abends bei. Die verhältnismäßig kleine, achtköpfige Schauspielertruppe überzeugte durch ihre Vielseitigkeit und Flexibilität. Besonders interessant – und zu Beginn mehr als verwirrend – waren die zwei Ks. Der Protagonist des Werkes wurde nämlich von zwei Personen verkörpert, die sich meist gleichzeitig auf der Bühne befanden und durch Abwägungen und teilweise geladene Debatten die inneren Denkprozesse K.s an die Zuschauer vermittelten.

Der Prozess Ensemble; Foto Petra Moser

Auf dem Heimweg war es viel stiller im Bus, was nicht nur der späten Uhrzeit geschuldet war: Auch die Eindrücke mussten verarbeitet werden. Weil der Großteil unter uns zwar zu den Theaterlaien gehört, aber wir allesamt erfahrene Schüler sind, war es von Anfang an klar, dass im Nachhinein viele Fragen offenbleiben und noch mehr sich ergeben werden. Kafkas Werke sind aber eben deswegen so besonders, weil sie auf einen wirken, einen bewegen und zum Nachdenken anregen, ob man sie meint zu verstehen oder nicht.

Gergely Danyi, Q12